Von Marcos Buser und Walter Wildi
Unter dem Titel «Auf Geologie setzen statt auf neue Technologie hoffen»[1] stellt die Nagra in einem Artikel in ihrer Hauszeitung technologische Entwicklungen zu einer besseren Behandlung hochradioaktiver Abfälle dem bisherigen Konzept der geologischen Tiefenlagerung gegenüber. Sie begründet in ihrem Pamphlet die Überlegenheit der geologischen Tiefenlagerung und weckt gleichzeitig Zweifel an der Möglichkeit eines technologischen Fortschrittes zur Vernichtung langlebiger hochradioaktiver Stoffe durch Kernumwandlung oder Transmutation. Dass die Genossenschaft dabei «auf Geologie setzen» will, ist ganz schön riskant, setzt sie damit doch auf etwas, von dem sie selber überzeugt sein mag, was aber zurzeit ebenso imaginär wie spekulativ ist. Diese sprachlich unterlegte Wette der Nagra gegen die Entwicklung von neuen Technologien hat die besten Aussichten, verloren zu gehen.
Schon das Bild auf der Titelseite des Artikels weckt die schlimmsten Befürchtungen. Da trägt doch allen Ernstes ein mit TYVEK-Schutzanzug, schwarzen Handschuhen und Gasmaske bewehrter Mitarbeiter einen Metallkübel mit leuchtend grünen Stäben in der Hand, um diesen zu einem Sammelbehälter zu bringen, über dem die Beschriftung «Atommüll» angebracht ist. Daneben stehen weitere Container mit den Aufschriften «Weissblech», «Kunststoff» und «Karton». Als ob «Atommüll» mit diesen harmlosen Abfällen verglichen und auf eine solch unprofessionelle Art und Weise gesammelt, abgekippt und recykliert werden könnte. Als ob dabei keine Strahlung freigesetzt würde und als ob ein TYVEK-Anzug wirklichen Schutz gegen Radioaktivität bieten könnte. Es sind gestellte Szenen der Verharmlosung, die kaum etwas mit der Realität zu tun haben. Seit jeher hatten Atomwirtschaft und Nagra ein Faible für Inszenierungen, in denen Radioaktivität und radioaktive Stoffe bagatellisiert wurden und kinderleicht entsorgt werden könnten. Von der Entsorgung eines gelb leuchtenden Lego-Atommüll-Steinchens in der Abstimmung zur Atominitiative vom Februar 1979 (Abbildung 1), bis hin zur Brio- Holzeisenbahn, welche die Einlagerung hochradioaktiver Abfälle und deren Rückholung in einem Endlagerstollen spielend leicht bewerkstelligen könnte (Abbildung 2).

Abbildung 1: Legostein als Sinnbild des radioaktiven Abfalls in einer aufgewölbten geologischen Struktur, aus einer PR-Kampagne der Atomwirtschaft im Vorfeld der Atominitiative vom Februar 1979. Quelle: Sozialarchiv.
Text: «Die Endlagerung der radioaktiven Abfälle ist technisch gelöst. Die Realisierung der bekannten Lösungen ist auch in der Schweiz möglich. Sie wird zur Zeit aber noch durch politische Widerstände verzögert.»
«Die Mengen sind gering. Als Beispiel der am meisten diskutierte hockaktive Abfall: aus den drei schweizerischen Kernkraftwerken fallen insgesamt pro Jahr lediglich rund 3 Kubikmeter verglaste hochaktive Abfälle an. Umgerechnet auf die Bevölkerung der Schweiz, ergibt dies für eine vierköpfige Familie eine Abfallmenge vom Ausmass dieses Lego-Steines (ca. 2 cm3). ….»

Abbildung 2: Nagra-Film «Das FE-Experiment. Testlauf für das Tiefenlager», 2015, mit Brio-Eisenbahn als fiktive Transportbahn für «hochradioaktive Brennelemente»
Der Leser[2] fragt sich bei dem erwähnten neuen Nagra-Beitrag als Erstes, an wen sich denn eine solche «Information» richtet. Und ob die nicht kenntlich gemachten Autoren – und die autorisierende Direktion – die Adressaten des Artikels wirklich für so unbedarft halten, dass sie die Absicht dieses Elaborats nicht durchschauen. Denn die Essenz der Nachricht des Absenders an den Empfänger ist banal einfach: «Lasst bitte die Finger von komplizierten, unsicheren technischen Lösungen. Man soll sich von trügerischen Hoffnungen nicht blenden lassen. Wir brauchen keine neuen und utopischen Technologien. Die Geologie ist mehr als gut genug. Wir von der Nagra wissen das.» Soweit also zur Substanz des Artikels.
Nun kann der neue Beitrag der Genossenschaft auch ganz anders gelesen und verstanden werden. Denn offenbar bereiten die neuen technologischen Optionen zur Umwandlung (Transmutation) radioaktiver Abfälle der Nagra richtiggehend Bauchweh und Kopfschmerzen. Nur eben, man kann die heutigen Entwicklungen der Kernumwandlung von hochradioaktiven Abfällen nicht mehr einfach ignorieren. Auch die Nagra wird nicht darum herum kommen, sich mit diesem Thema ernsthaft auseinander zu setzen. Dabei zeigen die weltweiten Entwicklungen, ohne wenn und aber, dass die Transmutationsforschung (also die Forschung zum Thema der Umwandlung radioaktiver Stoffe) definitiv Fahrt aufgenommen hat und sich rasch auf Projekte im industriellen Massstab zubewegt. Die lange dauernde Laborstufe liegt definitiv hinter uns, und es geht jetzt um die konkrete Umsetzung von industriellen Grossprojekten. Und die Zeichen weisen auf eine rasche Umsetzung im industriellen Massstab hin.
Wie schon in den 1960er bis 1980er Jahren – dem Zeitraum der ersten Expansion der nuklearen Technologien – wächst auch heute wieder das Interesse an einer grundlegenden Erneuerung der Kernenergie. Und zwar weltweit.
Man kann diese Entwicklung bedauern und verdammen. Man kann sie auch – wie dies die Nagra in besagtem Artikel tut – als Chimäre darstellen. Betrachtet man aber die gegenwärtigen Entwicklungen auf den diversen Fronten ohne vorgefasste Meinung, so wird es eng für das Entsorgungskonzept in einem geologischen Tiefenlager. Man kommt nicht umhin, die Endlagerkonzeptionen in den effektiv sich abspielenden technologischen Entwicklungsprozess des Jahrhundertprojektes der Nagra[3] einzureihen. So wird man sich fragen müssen, wie die Perspektiven der technologischen Entwicklungen tatsächlich aussehen, um die bereits bestehenden radioaktiven Abfälle in anderer Art und Weise zu entsorgen.
Blicken wir darum als Erstes auf das letzte Jahrhundert zurück und betrachten wir anhand von wenigen Beispielen die effektiv umgesetzten technologischen Entwicklungen, um die Dimensionen potentieller Veränderungen besser greifbar zu machen. Die letzten 100 Jahre haben die kühnsten Erwartungen übertroffen, und zwar in mehr oder weniger allen denkbaren technologischen Gebieten. Wir betrachten Beispiele aus der Luftfahrt, der mechanischen und elektronischen Schreibgeräte sowie der Atomtechnologie (Abbildungen 3 bis 5).

Abbildung 3: Entwicklung der Flugzeugindustrie 1926-2016
Links: Lufthansa 1926, erster Flug Berlin- Zürich mit einem Doppeldecker Fokker-Grulich mit 4 Passagieren, nach GEO 6. Jan. 2026
Rechts: Prototyp des neuen Airbus 350-1000 für 350 bis 410 Passagieren, nach Airbus Aircraft

Abbildung 4: 1926-2026: Entwicklung der mechanischen und elektronischen Schreibgeräte
Links: 1926 Underwood Champion 4 Bank Universal Manual Typewriter Hard Case B, auf ebay angeboten; Rechts: Apple-Rechner A18 PRO 2026, nach Apple 2026.
Beeindruckend ist der technische Schub auch im Bereich der Atomtechnik. In den 1920er und 1930er Jahren war die Nutzung der Atomtechnik mit Kraftwerken und Bomben gerade nur eine Domäne für Schriftsteller, Träumer und Phantasten. Etwa für Herbert George Wells, der diese Entwicklungen im Jahr 1914 visionär vorhersagte.[4] Die technische Entwicklung der Atomenergie schien damals ohnehin nur im Schneckentempo voranzukommen. Diese war weitgehend noch auf die Applikationen der Röntgentechnik beschränkt, etwa im Bereich der medizinischen und industriell gefertigten Produkte. Zur besagten Zeit kamen z.B. die sogenannten Pedoskope auf den Markt, Röntgenapparate für Kunden in Schuhläden, die neue Schuhe probierten. Damit liessen sich Füsse und Fussknochen röntgten, um richtige Schuhgrössen auswählen. Einige ältere Semester, so auch die beiden Autoren, mögen sich noch lebhaft an die Schulzeit in den 1950er Jahren erinnern, die oft Gelegenheit bot, beim Schuhladen um die Ecke schnell noch auf ein solches Gerät zu stehen und sich das durchleuchtete Knochengerüst der eigenen Füsse anzuschauen.

Abbildung 5: 1926 – 2026: Entwicklung der Atomtechnik
Links: Pedoskop (Schuh-Röntgengerät) zur optimalen Wahl der Schuhgrösse in Läden ab den 1920er Jahren, nach Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Pedoskop)
Rechts: 2MW-Thorium-Flüssigsalz-Reaktor des Shanghai Institute of Applied Physics in der Wüste Gobi. 2025. Quelle: Nuklear-forum/SINAP
Ausgelöst durch umwälzende politisch-militärische Entwicklungen der Zeit katapultierte sich die Atomenergie in die Geschichte der Menschheit. Der Zeitraum zwischen der Entdeckung der Atomspaltung im Dezember 1938 durch Otto Hahn und Fritz Strassmann in Berlin-Dahlem und dem Abwurf der ersten Atombomben über Japan im August 1945 betrug gerade nur gut 6.5 Jahre! Und nochmals 8 Jahre danach – 1953 – lief bereits das weltweit erste Atomkraftwerk. In der Sowjetunion! Wenn man diese gewaltige technologische Leistung im Kontext der damaligen Wirtschafts- und Wissenschaftsleistung bedenkt, besteht auch kein Zweifel daran, dass sich in den nächsten Jahrzehnten eine derartige Beschleunigung wiederholen könnte. Z.B. bei der Entwicklung von neuen Reaktortypen – und damit bei der Transmutation.
Diese Entwicklung ist seit einigen Jahren wieder in Gang gekommen. Vor allem in Russland und China, die weiterhin die Entwicklung neuer Reaktortypen vorantreiben. Russland entwickelte bereits Anfang der 1980er Jahre schnelle Brutreaktoren: zwei davon sind seit 1981 und 2016 in Betrieb, weitere Typen sind gegenwärtig im Bau.[5] China diversifiziert seine Reaktorlinien ebenfalls und baut Hochtemperaturreaktoren, Schnelle Brüter und weitere SMR-Typen,[6] darunter auch den bereits erwähnten experimentellen Flüssigsalzreaktor in Ganshu.[7] Gerade Flüssigsalzreaktoren (molten salt reactors) sind eng an sogenannte Beschleuniger-gesteuerte Systeme (Accelerator Driven Systems ADS) gekoppelt, die in Europa erforscht werden und die dereinst die bereits angefallenen hochradioaktiven Abfälle weitestgehend amwandeln solten. Zwei grosse Transmutations-Projekte sind hier im Gang: MYRRHA im belgischen Studiencentrum voor Kernenergie SCK-CEN[8] in Mol und Transmutex in Genf.[9] Diese beiden Projekte sollen nicht nur eine Energiegewinnung aus den hochradioaktiven Abfällen ermöglichen, sondern vor allem diese Abfälle durch Kernzertrümmerung (Transmutation) langlebiger radioaktiver Isotope in sehr viel kürzer lebige Isotope umwandeln. In wenigen Jahrzehnten. Die Technik der elektrochemischen Abtrennung (Partitioning) soll zudem die Wiederverwendung von radioaktiven Stoffen ermöglichen. Diese Technologie wird heute als vielversprechend angesehen,[10] was auch neue Optionen bei der Entsorgung der radioaktiven Abfallströme ermöglichen sollte (siehe Teil 2 des vorliegenden Beitrags).
Was die obigen Ausführungen zeigen ist, dass die Welt der zivilen Verwendung der Kernenergie und Abfallbehandlung in Bewegung geraten ist. Wie und wie schnell diese Entwicklungen tatsächlich vor sich gehen werden, lässt sich heute nur beschränkt vorhersehen. Wie im Artikel der Nagra suggeriert, ist jedoch nicht zu erwarten, dass sich eine solche Entwicklung noch über die nächsten 100 Jahre erstreckt. Es muss vielmehr davon ausgegangen werden, dass eine grundlegende technologische Umwälzung der Atomtechnik in der oben aufgezeigten Richtung im Verlauf der nächsten Jahrzehnte stattfindet. Dies wiederum bedingt, dass man heute zumindest Alternativen und Optionen im Umgang mit diesen Rückständen erarbeitet sollte und allenfalls die Weichen der Entsorgung radioaktiver Abfälle neu stellt.
Man kann natürlich nicht erwarten, dass die Nagra aufgrund ihres Auftrags und der von ihr seit der Gründung im Jahr 1972 durchgeführten geologischen Arbeiten willens und in der Lage ist, eine Vordenkerfunktion für einen neuen Umgang mit radioaktiven Abfällen zu übernehmen. Diese Arbeit muss von ausserhalb kommen, in einer breit aufgestellten gesellschaftlichen Debatte. Inhaltlich und politisch sind die Zukunft der Kernenergie und der Umgang mit radioaktiven Abfällen neu zu betrachten. Was das schweizerische politische System heute jedenfalls sicherstellen sollte, ist, dass die für eine Entsorgung radioaktiver Abfälle erforderlichen, zurückgestellten finanziellen Mittel im Entsorgungsfonds nicht für Projekte ausgegeben werden, die bereits von allem Anfang an als sinnlos und überteuert zu betrachten sind.
[1] https://nagra.ch/auf-geologie-setzen-statt-auf-neue-technologie-hoffen/
[2] im Sinne des generischen Maskulinums
[3] Nagra, Jahrhundertprojekt – eine Reise in die Zukunft, diverse Beiträge auf Internet
[4] Buser, Marcos. 2019. Wohin mit dem Atommüll? Rotpunkt-Verlag Zürich.
[5] GRS, 2025. Kernenergie in Russland. Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit. November 2025. https://www.grs.de/de/kernenergie-russland
[6] GRS, 2024. Kernenergie weltweit 2024. Gesellschaft für Anlagen und Reaktorsicherheit. 26. Februar 2024. World Nuclear Industry Status Report. https://www.worldnuclearreport.org/Kernenergie-weltweit-2024
[7] WNN, 2025. Chinese molten salt reactor achieves conversion of thorium-uranium fuel. World Nuclear News. 4. November 2025. https://www.world-nuclear-news.org/articles/chinese-msr-achieves-conversion-of-thorium-uranium-fuel
[8] https://www.myrrha.be
[9] https://www.transmutex.com
[10] TU München, 2019. Partitionierung radioaktiver Abfallstoffe durch Rektifikation. Partitioning of nuclear waste by fractionated distillation. Technische Universität München. 16. Juli 2019. https://festkoerper-kernphysik.de/download/NuDest/Endbericht_NuDest.pdf












Der Entsorgung von Abfällen in Untertagedeponien muss grundlegend überdacht werden.
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