Von Marcos Buser
zwischen 2000 und 2013/14 Vorsitzender der sogenannten «Commission de suivi» – der Begleit- und Überwachungskommission des Labors Mont-Terri des Kantons Jura
Die Bedeutung des Forschungs-Laboratorium Mont-Terri
Das Forschungs-Laboratorium Mont-Terri hat schon manche stürmische Zeit hinter sich. Massgebend für diese Turbulenzen waren immer wieder Machtkämpfe oder unterschiedliche Ansichten zur Führung des Labors, zur Struktur des Projektes oder zur Transparenz der Prozesse: Mit einem Wort: zur Gouvernanz eines einzigartigen Forschungsprojektes, das sich ab den 1990er Jahren schrittweise entwickelt und zu einer unvergleichlichen Unternehmung aufgeschwungen hat. Massgebend für den Erfolg dieses Projektes waren die internen wie externen Rahmenbedingungen, die von den Partnern bzw. dem Eigentümer der Anlage, dem Kanton Jura, weitsichtig definiert worden waren. Wesentlich war insbesondere auch die ursprünglich von den Partnern vorgeschlagene und später vom Kanton Jura verlangte unabhängige Führung des Labors durch eine eidgenössische Administration. Von allem Anfang an war der Nationale Geologische und Hydrogeologische Dienst als offizielles, und partikulären Interessen vorgeschaltetes Amt in das Projekt eingebunden. Nach diversen Übernahmeversuchen des Labors durch die Nagra und dadurch ausgelösten jahrelangen Turbulenzen bei der Führung des Projektes, übernahm swisstopo 2005 die Leitung des Projektes. Wie die beigelegte kurze geschichtliche Aufarbeitung der Geschichte des Mont-Terri Projektes zeigt, die diesem Beitrag beigelegt ist, begann damit eine äusserst fruchtbare Zeitspanne mit konkretem Wachstum des Aufgabenportefeuilles, der Partnerorganisationen und der wissenschaftlichen Bedeutung des Labors. Inzwischen ist das Mont Terri Projekt ein weltweit führendes und anerkanntes Forschungsprojekt, auf das die Schweiz zu Recht stolz sein kann.
Paukenschlag
Mit einer e-Mail vom 8. Mai 2025 informierte der Direktor von swisstopo die Delegierten der Partnerorganisationen, dass der Bundesrat mit Beschluss vom 30. April 2025 swisstopo beauftragt habe, die Führung des Mont-Terri Laboratoriums ab dem 31. Dezember 2026 an eine Drittpartei ausserhalb der eidgenössischen Verwaltung abzugeben. Ein Paukenschlag ungeheuren Ausmasses. Massgebend für den Entscheid war in erster Linie der Sparauftrag des Bundesrats an die eidgenössischen Administrationen. Swisstopo evaluierte daraufhin sein Aufgabenportefeuille und kam dabei zum Schluss, dass der Betrieb eines Felslabors «kein zentraler Bestandteil der zukünftigen strategischen Entwicklung» des Amtes sei. Swisstopo schlug daraufhin dem Bundesrat vor, sich per 31. Dezember 2026 von der Leitung des Mont Terri Projektes zurückzuziehen. Zugleich informierte swisstopo die Partner, dass das Amt daran arbeite, einen neuen Betreiber für das Labor zu finden, dem die Führung ab 2027 übergeben werden könne. Er, der Direktor von swisstopo, werde am nächsten Treffen der Partner am 13./14. Mai 2025 teilnehmen und darüber informieren. Soweit die Kurzfassung der wichtigsten Inhalte.
Diese Kommunikation löste begreiflicherweise Konsternation aus – bei den Partnern auf der einen Seite, aber auch auf der Seite des Kantons Jura als Eigentümer der Anlage auf der anderen. Man stehe buchstäblich auf dem Kopf, titelte die angesehene Genfer Zeitung «Le Temps» noch am selben Tag. RFJ – das regionale jurassische Radio – berichtete von der Bestürzung, welche die Nachricht auch bei der jurassischen Regierung und Administration ausgelöst habe. Man las im Artikel von «Le Temps» zudem, dass die Regierung in diesem Zusammenhang ihre vier Stände- respektiv Nationalräte bereits kontaktiert habe, um sich dieser Angelegenheit anzunehmen. Man kann in jedem Fall feststellen: diese e-mail mit diesem Inhalt hat durchaus explosiven Charakter für die Schweizer Forschungslandschaft auf den betrachteten Gebieten.
Respektlos und unverfroren
Der Sparauftrag des Bundesrats an seine Administration stellt viele Bundesämter zweifelsohne vor erhebliche Herausforderungen und Probleme. Dass swisstopo in diesem Sinne verschiedene Sparmöglichkeiten ausgeleuchtet und evaluiert hat, steht ausser Frage. Man kann dem Amt auch zugutehalten, dass es das Recht besitzt, sich anders zu orientieren und seine strategischen Präferenzen neu auszurichten.
Zum einen muss man sich aber auch bewusst sein, um was es bei diesem Sparauftrag des Bundesrats geht: nämlich um die generellen Kosten der Führung des Mont Terri Projektes durch swisstopo, das heisst um einen jährlichen Betrag von rund zwei Millionen Franken, davon etwa 500’000.- Fr. für die allgemeinen Kosten. Dies entspricht in etwa den Personalkosten von acht bis zehn Bundesangestellten pro Jahr. Man darf sich also durchaus die Frage stellen, ob es nicht andere Möglichkeiten gegeben hätte, die personellen Etats anderer Abteilungen zu justieren, um die benötigte Geldmenge für die Führung eines internationalen Projekts dieses Kalibers aufrecht zu erhalten. Mit etwas Einfallsreichtum und gutem Willen wäre dies zweifelsohne zu leisten gewesen sein.
Doch die Direktion von swisstopo entschied für den Weg einer stillschweigenden Vorbereitung und Umsetzung des erwähnten Paukenschlags. Wenn also Kritik angebracht ist, dann an der Art und Weise, wie die Direktionsetage den Rückzug aus dem Mont Terri Projekt organisiert und orchestriert hat. Keine vorgängigen Gespräche oder Orientierungen mit dem Eigentümer des Labors, dem Kanton Jura, oder wichtigen Partner im Forschungsverbund. Das Schaffen eines «fait accompli», ohne sich die Folgen des überstürzten Rückzugs auch nur vor Augen zu halten. Die Partner können nämlich einfordern, dass die vom Kanton bewilligten Forschungsvorhaben zu Ende geführt werden. Wer garantiert damit die ordnungsgemässe Führung des Laboratoriums nach dem 31. Dezember 2026, wenn sich keine neue Führungseinheit finden lässt? Hat sich swisstopo überlegt, dass die Nicht-Erfüllung bei der Führung des Labors auch gerichtlich eingefordert werden kann? Und die Leitung des Labors soll fortan durch eine Institution ausserhalb der eidgenössischen Verwaltung übernommen werden? Wie soll dies vor sich gehen in einem Labor, in dem sowohl Betreiber von Endlagern wie auch Aufsichtsbehörden arbeiten? Hat sich swisstopo überhaupt Gedanken zur Gouvernanz eines solch komplexen Projektes mit unterschiedlichen Akteuren gemacht, die extrem heikel ist, was das Rollenverständnis dieser Akteure betrifft? Und die öffentliche Wahrnehmung: hat sich swisstopo überlegt, was für einen Schaden für Finanzen und Renommé bei den Partnern bei einer solchen Aktion entstehen kann? Ist dies die Art und Weise, wie man als Mieter mit dem Eigentümer einer Anlage umgeht, ihn – trotz Konvention – auf diese Weise zu überrumpeln? Als Mieter der Anlage selbstherrlich nach Lösungen für die Zukunft zu suchen, ohne Kanton und Partner beizuziehen? Es ist kaum zu glauben, was für ein «Elefant» da losgelassen wurde, um unnötigerweise Geschirr zu zerschlagen. Man kann dazu nur Eines sagen: eine unglaublich respektlose und unverfrorene Aktion, die eines Bundesamts nicht würdig ist und die zu einem grossen Imageschaden der Schweiz bei der internationalen Forschungsgemeinschaft führen könnte und dürfte.
Langzeitbedeutung
Einen besonderen Aspekt gilt es bei einem Felslaboratorium wie jenem des Mont-Terri besonders hervorzuheben: es ist die Langzeitbedeutung, die einer solchen Anlage zukommt. Viele Experimente sind über längere Zeiträume – sogar Jahre bis wenige Jahrzehnte – angelegt, damit die gewonnenen Daten aus den Experimenten in verlässliche Modelle übertragen werden können. Diese Forschungsarbeiten sind auch untereinander gekoppelt (Figur 1), damit ein Gesamtbild der Entwicklung einer Lagerprozesses in einem potentiellen Endlager abgeleitet werden kann. Die Bedeutung dieses Langzeitaspektes für die Sicherheitsmodelle kann nicht genügend beachtet und hervorgehoben werden. Es ist einfach nicht möglich, einen Forschungsprozess aus administrativen Sparüberlegungen einfach so zu unterbrechen. Um es auf ein vergleichendes Bild zu übertragen: man kann einen chirurgischen Eingriff bei einem Patienten auch nicht bei einem offenenen Einschnitt einfach abbrechen. Es ist darum kaum zu verstehen, das ein solch wesentlicher Aspekt bei der Direktion von swisstopo vergessen gegangen ist.

Figur 1: Zusammenstellung wichtiger laufender Forschungsbereiche im Opalinuston des Labors Mont-Terri (unten) beziehungsweise wichtiger weiterer Forschungen (oben), abgeänderte und ergänzte und Darstellung nach Bossart 2014, aus dem Bericht Buser, M., 2014. Hüten oder Endlagern: eine Standortbestimmung 2014. Eidgenössisches Nuklearsicherheitsinspektorat ENSI
Und nun?
Am 13./14. Mai 2025 wird die Direktion von swisstopo an der erwähnten Sitzung der Partner in St-Ursanne antraben. Um sich zu erklären. Dem Kanton. Den Partnern. Den Forschungsdirektoren. Um sich zu rechtfertigen, wegen des Sparauftrags von zwei Millionen Franken. Um seine Lösungen zu präsentieren für die Zukunft des Labors. Wie diese Veranstaltung ausgehen wird, wird sich zeigen.
Kanton Jura und Partner werden sich allerdings Gedanken machen müssen, ob und in welchem Masse swisstopo noch ein vertrauenswürdiger Mitspieler bei der Suche nach neuen Wegen sein kann. Die Drähte dürften heisslaufen. Vermutlich wäre es am klügsten, in dieser Situation eine Arbeitsgruppe bestehend aus Kanton und Partnern mit dem Auftrag zu betrauen, Modelle für eine künftige Führung durch eine unabhängige Instanz zu entwickeln. Von der Ausrichtung des Labors wäre ein Anschluss an eine eidgenössische Hochschule im Sinne eines Annexbetriebs eine durchaus interessante Option. Wichtig und prioritär dürfte in jedem Fall sein, das Schicksal des Projektes in die eigenen Hände zu übernehmen. Mit Gewissheit lässt sich im Augenblick jedenfalls nur etwas sagen: eine Angelegenheit, die ohne Zweifel weiter verfolgt werden wird.
Referenz zur historischen Analyse des Labors Mont-Terri, französische und englische Versionen auf der Webseite des Kantons Jura, Service des Infrastructures/Laboratoire du Mont-Terri












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