Interview mit Harald Jenny
https://www.ekz.ch/de/blue/wissen/2025/usbt-nagra-interview-harald-jenny.html
«Für Harald Jenny (USBT) wäre es verantwortungslos, tausenden von Generationen nach uns radioaktive Abfälle zu hinterlassen. Im Interview plädiert er für mehr Weitblick und argumentiert gegen das Tiefenlager der Nagra – gerade jetzt, wo sich innovative Technologien zur Entsorgung von Atommüll ankündigen.»
Interview von Luc Descombes, 16/04/2025
Kommentar von Marcos Buser:
Atommüll: Zeit für die Weiterentwicklung von Optionen
Man weiss es und Nagra und ENSI bestätigen dies: die Einlagerung hochradioaktiver Abfälle in geologischen Tiefenlagern ist definitiv keine sichere Entsorgungsstrategie für die «Ewigkeit», sondern gerade nur eine «Lösung» auf Zeit, wie auch das vorzügliche Interview mit Harald Jenny zeigt. Allerspätestens in 10’000 Jahren beginnt gemäss den Modellierungen die Freisetzung radioaktiver Abfälle aus einem, als geologisches Tiefenlager konzipierten «Endlagers». Damit schafft der Mensch eine als Zeitbombe getarnte neue Opferzone, bei der sich hochtoxische Schadstoffe unkontrolliert ausbreiten und an die Umwelt abgegeben werden. Modellrechnungen hin und her. Eine Ungeheuerlichkeit zu Lasten der Zukunft. Wer dies nicht glauben will, der schaue sich die Entwicklung bei den chemischen Zeitbomben an (Kästchen 1). Die über Jahrzehnte praktizierte Formel, wonach die «Verdünnung die Lösung von Verschmutzung» sei, hat im Zeitalter der Massenproduktion gefährlicher, menschengemachter Stoffe definitiv ausgedient.
| Kästchen 1: «Dilution is the Solution to Pollution» Über Jahrzehnte machte dieser geflügelte Spruch weltweit die Runde. Und wurde ausgiebig und universell ein- und umgesetzt. Wie einige wenige Beispiele zeigen, funktioniert dies bei den gewaltigen Mengen an toxischen Stoffen, die in die Umwelt abgelassen werden, aber nicht oder nicht mehr so. «Dilution is not the solution, but the future nightmare.» Z.B. Mikroplastik, der sich überall ausbreitet: ins Gehirn des Menschen[1], in die Wildtiere[2], an den Plastiksandstränden[3], an den Polen[4] bis hin zum tiefsten Marianengraben.[5] «Plastic planet» hinterlässt Spuren in die weiteste Zukunft. Kunststoffe und Kunststoffmixturen sind innerhalb von zwei Generationen von Wunderstoffen der technischen Innovation zu einem Alptraum für natürliche Kreisläufe mutiert. Z.B. PFAS, die per- und polyfluorierten Alkylverbindungen, wahre Wunderchemikalien in vielfältigen alltäglichen Gebrauchsgegenständen (Textilien, Lebensmittelverpackungen, Feuerlöschschäume usw.) und ungemein stabil und persistent: überall zu finden in Lebensmitteln[6] und in der Umwelt.[7] Von ihrer Entdeckung weg bereits als hochtoxisch und kaum abbaubar erkannt, wurden sie – wo auch immer nur – in allen möglichen Produkten eingesetzt. Die Auswirkungen für Mensch und Umwelt sind erst Jahrzehnte nach der Erkenntnis über ihre Gefährlichkeit ins Bewusstsein der Oeffentlichkeit.[8] Z.B. alte Munitionen etwa aus den beiden Weltkriegen in Gewässern der Nord- und Ostsee und im Atlantik, Phosphorbrandbomben, andere Munitionen, Blindgänger und Ähnliches, die kontinuierlich und in Stücken an die Strände angespült werden oder in der Tiefsee landen.[9] Eindrücklich schildern Wissenschaftler der Universität Kiel dieses Phänomen, wenn sie darüber schreiben, wie «eine Wolke von gelösten Explosivstoffen durch das ganze westliche Baltische Meer Deutschlands zieht, was sich in messbaren Köperbelastungen bei allen marinen Organismen zeigt, die in Kontakt mit diesen Strömungen mit Munitionsresten kommen.»[10] Z.B. Ablagerungsstandorte: solche Kilometer langen, über Jahrzehnte und mehr aus Deponien ausgespülten Schadstofffahnen sind auch in vielen Grundwasserkörpern der Welt bekannt – eine der wohl Eindrücklichsten aus den radioaktiven Deponien auf dem Produktionsgelände von Waffenplutonium in Hanford (Washington USA) usw.usf. |
Wie soll also diesem bequemen, aber gefährlichen Gebaren entgegengetreten werden? Seit Jahrzehnten sind die Rezepte hierzu bekannt. Begriffe wie Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft beschreiben den Weg zu einem anderen Umgang mit unseren Ressourcen und einem weitsichtigen Schutz unserer Lebenswelt. «Einkapseln», «Verdünnen» und «Vergessen» haben keinen Platz mehr in dieser Strategie, wie dies auch Harald Jenny hervorhebt. Es ist darum dringend, unsere Herstellungsmethoden und unseren Umgang mit unseren Abfällen in Frage zu stellen und entsprechend umzustellen. Diese Zielsetzung gilt auch für die Abfälle aus der Nuklearindustrie. Mit den Gedanken der Nachhaltigkeit und der Kreislaufwirtschaft sind diese Entwicklungen voll im Gang, mit allen Schwierigkeiten und den zeitlichen Anforderungen, die ein solcher übergeordneter Veränderungsprozess auch mit sich bringt. Auch wird sich zeigen, ob Wirtschaft und staatliche Regulatoren im Rahmen der heute verfolgten Verantwortlichkeitsaufteilungen in der Lage sind, diese Änderungen rasch umsetzen.
Einige dieser grundlegenden Fragen betont auch der beiliegende Beitrag des Physikers Harald Jenny. Die Geschichte des Tiefenlagers beginnt nämlich mit seinem Verschluss und der Absicht, dieses als Endlager für die Zukunft fit zu machen. Zumindest für die ersten 10’000 Jahre. Aber ist dies überhaupt möglich, eine solche Strategie über seine solch langen Zeitraum erfolgreich durchzusetzen? Oder müssen nicht schon heute Entwicklungen in Betracht gezogen werden, die ein Erreichen eines solchen Ziels als illusorisch erscheinen lassen? Insbesondere die Entwicklungen und Technik, die in immer grösserer Beschleunigung die Welt erobert und verändert und die Kontrolle über die Entwicklungen zu übernehmen beginnt. Bedenkt man die Geschwindigkeit der Veränderungen in den letzten Generationen, ist kaum mehr vorherzusehen, wo die Technik und ihre Leistungsfähigkeit allein schon in den nächsten 200 Jahren stehen wird. Wie kann man da so naïv und einfältig sein, zu glauben, dass ein «Endlager» mit seinen wiederverwertbaren, aber teil hochtoxischen Ressourcen über 10’000 Jahre unberührt in der Tiefe belassen wird?
Natürlich kann man die sich abzeichnenden Strategien und Lösungsbestrebungen im atomaren Bereich – etwa die Transmutation – als «Lügen» oder «Wunschmärchen» hinstellen und sich weiterhin auf althergebrachten Entsorgungs-Pfaden bewegen. Doch diese Abwehrhaltungen lösen die Probleme nicht, wie sich auch an historischen Beispielen in der Technikgeschichte zeigen lässt. Letztendlich führt kein Weg an der Auseinandersetzung mit einer in Gang gekommenen Entwicklung vorbei: ob dies den heute für die Endlagerung zuständigen Administrationen bzw. den historisch gewachsenen politischen Kräften in der atomaren Auseinandersetzung passt oder nicht. Unsere Gesellschaft wird sich mit anderen Optionen wie jene der Transmutation herumschlagen müssen. Und dies ist nur zu begrüssen.
[1] Medizinische Universität Wien, 2023. Winzige Plastikpartikel gelangen auch ins Gehirn. https://www.meduniwien.ac.at/web/ueber-uns/news/2023/default-34fee72b1e/winzige-plastikpartikel-gelangen-auch-ins-gehirn/
[2] PIRG, 2024. Microplastics are not just in us, they are also in wildlife. https://pirg.org/articles/microplastics-are-not-just-in-us-they-are-also-in-wildlife/#:~:text=Microplastics%20have%20been%20found%20in,debris%2C%20including%20plastic%2C%20accumulates.
[3] Ifremer, 2025. On Hawaii’s beaches, 91% of plastics were found buried in the sand. 6 June 2025. https://www.ifremer.fr/en/press/hawaii-s-beaches-91-plastics-were-found-buried-sand
[4] Maurizio Azzaro, 2023. A plastic world: A review of microplastic pollution in the freshwaters of the Earth’s poles. Science of the Total Environnement, Vol. 869, 15 April 2023. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S004896972300462X
[5] Sarah Gibbens, 2019. Plastic proliferates at the bottom of world’s deepest ocean trench. National Geographic. May 14, 2019. https://www.nationalgeographic.com/science/article/plastic-bag-mariana-trench-pollution-science-spd
[6] BMUKN, 2023. Per- und polyfluorierte Alkylverbindungen (PFAS) in Lebensmitteln. Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. 17. Juli 2023. https://www.bundesumweltministerium.de/themen/gesundheit/lebensmittelsicherheit/verbraucherschutz/ueberblick-verbraucherschutz/per-und-polyfluorierte-alkylsubstanzen-pfas-in-lebensmitteln-hintergrundinformationen.
[7] BMUKN, 2025. Wie werden PFAS ein Problem für die Umwelt? Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit. 12.3.2025. https://www.bundesumweltministerium.de/faq/wie-werden-pfas-ein-problem-fuer-die-umwelt
[8] Umweltbundesamt, 2025. Besorgniserregende Eigenschaften von PFAS. 3. Februar 2025. https://www.umweltbundesamt.de/besorgniserregende-eigenschaften-von-pfas
[9] Jacek Bełdowski , Matthias Brenner , Kari K. Lehtonen , 2020. Contaminated by war: A brief history of sea-dumping of munitions. Marine Environmental Research, Volume 162. December 2020. https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S014111362030862X;
Folgen an Stränden, z.B.: SH, o.J. Munition am Strand. Landesamt für soziale Dienste Schleswig-Holstein. https://www.google.com/search?client=safari&rls=en&q=schleswig+holstein+strand+bomben&ie=UTF-8&oe=UTF-8.
[10] Jacek Bełdowski , Matthias Brenner , Kari K. Lehtonen , 2020. > 7












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