Dieser Beitrag erschien in leicht abgeänderter Fassung in Infosperber
Die Nagra lanciert jetzt einen Namenswettbewerb. Doch das Endlager im Zürcher Unterland ist noch gar nicht endgültig beschlossen.
Namenswettbewerb
«Das Schweizer Jahrhundertprojekt “Tiefenlager” braucht einen Namen – und ihr könnt mitentscheiden!», schreibt die Regionalkonferenz Nördlich Lägern, das Partizipationsgefäss für das Endlager, in einer E-Mail vom 26. August 2025. Und fügt an: «Gib dem Schweizer Tiefenlager einen Namen – und vielleicht führt dich deine Idee nach Finnland!» Gesucht werde ein Name, «der Verantwortung, Sicherheit und Zukunftsorientierung» vereine und «die Identität dieses einzigartigen Projekts» präge.
Auch die Nagra erklärt auf ihrer Webseite: «Schritt für Schritt arbeiten wir auf die Realisierung des Schweizer Tiefenlagers hin. Und je näher die rückt, desto stärker wird der Wunsch, dem ‘Kinde’ einen Namen zu geben. Einen Namen der aus der Bevölkerung kommt», ist in der elektronischen Nagra News zu lesen.
Das finnische Tiefenlager trage den Namen «Onkalo», auf Deutsch: kleine Höhle, führt die Nagra weiter aus. «Wie soll denn das Schweizer Tiefenlager heissen?» Das ‘Namensforum Tiefenlager Schweiz’ sammle bereits Ideen. Dann folgt ein Aufruf mit zu machen. Würde es eine Namensidee in die Top 5 schaffen, würde dies den glücklichen Ideengebern und Ideengeberinnen eine Reise nach Finnland bescheren. Im Klein-Jet.
Scharfe Kritik
Die Reaktionen auf diese Idee liessen nicht auf sich warten. Das Unabhängige Schweizer Begleitgremium Tiefenlager USBT um den Physiker Harald Jenny schrieb noch am gleichen Tag dazu: «Den Menschen im Zürcher Unterland soll die gefährlichste Anlage der Schweiz mit einem hübschen Etikett verkauft werden. Und als Krönung dürfen die Betroffenen den Namen gleich selber aussuchen – ein zynischer Marketingtrick.» Was hier ablaufe, sei «kein Dialog, sondern ein PR-Manöver.» «Statt der Bevölkerung Sand in die Augen zu streuen, sollte die Nagra echte Alternativen prüfen.» Dass nicht nur die Nagra und eine bekannte pro-atomare Kommunikationsberaterin in der Namensgebenden-Jury sitzen, sondern gleich auch noch ein Vertreter der Baudirektion des Kantons Zürich, mutet in der Tat befremdend an. Dass sich der Kanton hinter eine plumpe PR-Aktion stellt, statt sich mit hinreichendem Sicherheitsabstand der Überprüfung des Prozesses zu widmen, weckt in erster Linie Befürchtungen, dass die erforderliche Distanz zwischen Projektträger und öffentlicher Hand in einem Risikoprojekt dieser Dimension einmal mehr fehlt.
Überstürztes Vorgehen …
Wie schon oft in der Vergangenheit, ist das Vorgehen der Nagra auch in diesem Fall überstürzt. Warum denn diese Eile, fragt man sich. Die Überprüfung des Rahmenbewilligungsverfahrens durch die Sicherheitsbehörden ist noch voll im Gang und dürfte weitere zwei Jahre, wenn nicht länger dauern. Bis zum Abschluss des Prüfverfahrens, der Genehmigung des Projektes durch den Bundesrat und zur wahrscheinlichen Volksabstimmung über das Endlager dürften weitere Jahre vergehen. Gewiss bis 2031.
Die Nagra ist sich allerdings bereits jetzt sicher, dass ihr Rahmenbewilligungsgesuch von der Aufsicht abgesegnet werden wird. Mit Auflagen, klar. Diese Einschätzung lehnt sich auch an die historischen Erfahrungen an. Denn es gibt kein Endlagerprojekt, das in den letzten 50 Jahren von den Aufsichts- und politischen Behörden abgelehnt wurde. Auch wenn solche Projekte im Nachgang scheiterten, wie etwa das Gewährprojekt im kristallinen Grundgebirge der Nordostschweiz in den 1990er Jahren. Oder der Endlagerstandort Wellenberg im Kanton Nidwalden, aufgrund seiner mässigen geologischen Eignung und dem starken Widerstand der Bevölkerung.
Mit dem Schritt hin zur Namensgebung des Endlagers signalisiert die Nagra jedenfalls ihren Willen und ihre Entschiedenheit, einen «Pflock» zu setzen und den Standort «Nördlich Lägern» schon jetzt definitiv zum Endlager zu machen. Es geht ihr in erster Linie darum, den Brand – das Markenzeichen – zu prägen, das unauslöschbar für den weiteren Verlauf des Projektes stehen soll. Eine Art Flagge also, mit dem für das Endlager geworben werden kann.
… mit offenem Ende
Ob die Rechnung tatsächlich aufgeht, ist zweifelhaft. Zum einen sind die Platzverhältnisse für die beiden Endlager für schwach- und mittelradioaktive Abfälle schon jetzt äusserst knapp. Sollten die Pläne von Bundesrat Rösti zur Wiedereinführung der Atomenergie aufgehen, wird der Platz im Untergrund für das gesamte Atommüllinventar mit Sicherheit nicht reichen. Dann wird mit der Standortsuche wieder von vorne begonnen werden müssen.
Zum anderen muss aber auch damit gerechnet werden, dass weitere geologische wie auch nicht geologische Überraschungen am Standort «Nördlich Lägern» auftauchen, die das Projekt grundsätzlich in Frage stellen. Denn auch die wissenschaftlichen Erkenntnisse und der technische Fortschritt und Wandel in einem Jahrhundertprojekt wie dem der Nagra, dürften sich fundamental ändern. Dies zeigt sich bereits bei den heutigen Entwicklungen von Transmutationsreaktoren wie jenem der Firma Transmutex in Genf. Sollte die Wiederverwendung und Verwertung des hochradioaktiven Mülls in einem solchen Reaktor bis in knapp 15 Jahren gelingen – was heute als realistisch gilt -, bräuchte es auch kein Endlager für diese Abfälle mehr. Die schwach- und mittelradioaktiven Abfälle könnten auch anders und besser entsorgt werden. Die Nagra täte darum gut daran, «Schritt für Schritt» an Alternativen im Umgang mit dem radioaktiven Legat zu arbeiten, um danach nicht ohne Endlager dazustehen – dafür mit dem Brand der «Illusion».













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